Shape 1 – Ein Schritt ins Blaue

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Wir leben in Barcelona – genauer in Barcelonetta, ein Stadtteil direkt am Strand. Unsere Wohnung hat 32 m² und einen Balkon. Zwischen 10:00 und 12:00 steht die Sonne direkt über dem Wasser und zwischen den Häusern auf unseren Gesichtern. Vom Balkon kann man das Meer sehen. An die Brüstung lehnt ein Surfboard und wenn es Wellen gibt, sind es zwei Minuten von der Haustür ins Wasser. Unter uns im Erdgeschoss liegt ein Französischer Bäcker, von dem aus an jedem zweiten Morgen der Woche frischer Apfelkuchengeruch zu uns ins Schlafzimmer steigt.

Barcelona 6 AM
06:00 AM

41 Tage Stille

Unser Schlafzimmerfenster ist immer offen. In unserer Straße und in allen Nebenstraßen gibt es Bars und Cafés, Tapasrestaurants und Obsthändler. Im Mercat de Barcelonetta werden jeden Samstag frischer Fisch, Fleich, Humus und Oliven feilgeboten. Tag und Nacht ergießt sich ein unabbrechender Menschenstrom die Promenade entlang. Vom Strand hallt das Lachen und aus den Clubs die Musik.

Heute ist der erste Tag des Sommers und die Straßen sind still. Es ist erst Ende April, aber zumindest fühlt es sich nach Sommer an. Die Luft ist anders. Das Meer liegt spiegelglatt und der Himmel ewigblau. Am Horizont hängt noch ein bisschen orange Nacht. Heute ist ein Tag, an dem einen nicht kalt werden kann. Tage, die man den Winter über vergessen hat. Noch dazu ist heute Freitag. Aber die Straßen sind still.

Seit 41 Tagen ist alles still. Auf der Strandpromenade patroulieren Polizisten. Krankenwagensirenen und Hundegebäll hallen durch die leeren Straßen. Die Strände und Bars sind verlassen. Niemand schwimmt, raucht, trinkt oder lacht draußen mehr. Nur der Französische Bäcker hat noch offen. Brot ist lebenswichtig. Und Apfelkuchen auch.

04:00 PM

Und sie klatschen immer weiter ...

Mittlerweile ist es Abends. Es ist genau 20:00. Irgendwo erklingt eine Sirene und alle Nachbarn und auch die Leute vom Haus gegenüber treten auf den Balkon und klatschen. Es ist der 41. Tag an dem sie klatschen. Sie klatschen für die Ärzte und für sich selbst, um durchzuhalten und Gemeinschaft zu zeigen. Nach drei Minuten sind alle wieder in ihren Wohnungen verschwunden.

41 Tage geht das jetzt so. Morgen sind es sechs Wochen. Sechs Wochen in Quarantäne auf 32m2 plus Balkon sind genug Zeit. Viel zu viel Zeit tatsächlich. Ausschlafen jeden Morgen, dann neuen Stunden Home Office und die Leere danach. Während die Frühlingsabende täglich länger wurden, potenzierten sich auch die Leerphasen Stunde für Stunde. Alkohol, Zigaretten, Netflix und Sex nutzen sich schnell ab, wenn es daneben nichts anderes mehr gibt. Ablenkung und Zerstreuung fand ich nirgendwo mehr. Ich fand immer nur mich vor gleicher Kulisse durch wache Nächte und müde Tage. Ich fand immer nur mich und Flucht war unmöglich. Ich wollte frei sein und musste Verwantwortung übernehmen.

Verantwortung zu übernhemen, heißt ja im Grunde: Geld zu verdienen. Auch Geld ist eine Form von Freiheit, aber eine, die mit Kompromissen belastet ist. Man arbeitet 5 Tage und dann hat man 2 Tage frei. Dann gibt man Geld aus, lässt es sich gut gehen und ruht sich aus, damit man dann wieder bereit ist mehr Geld zu verdienen und so weiter.

Musik und Drogen sind auch Freiheit. Der Rausch ist die Flamme. Sie kennt keine Grenzen, verbrennt alles und lässt nichts zurück. Bleiben tun nur graue Rauschschwaden, die irgendwann vergehen oder auch nicht.

Die Farbe Blau ist Freiheit. Das Meer, der Himmel, der Blick ins Innere. Alles unendlich und unerreichbar.

8:00 PM

Schließlich ist das Schreiben Freiheit

Zuerst las ich mal wieder. Jörg Fauser, Christian Kracht und Benjamin von Stuckrad Barre. Stapelweise ungelesene New York Times Magazine. Internet Artikel. Ich war in der Gegenwart angekommen. Fürs Erste Schluss mit den ganzen Klassikern und Zukunftsotopien. Gestern war egal und Morgen noch viel zu weit weg. Ich stellte mir für 6:00 Uhr einen Wecker, wachte sogar noch davor auf und las und schrieb vor der Arbeit. Mit diesen freien und gleichzeitig gewidmeten zwei, drei Stunden am Morgen, fiel es einfacher durch die Tage zu kommen. Ich darf zwar immer noch nicht vor die Tür, die Wellen bleiben ungesurft und sonnige Wochenenden vergehen nüchtern, aber das stört mich nicht mehr.

Nach sechs Wochen auf 32 m2 plus Balkon bin ich aufgebrochen. Aufgebrochen zu einer Reise ins Blaue. Shapes of Blau ist die Dokumentation und das Protokoll dieser Reise. Niemand muss das hier lesen. Aber jeder, der will, kann.

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13 Wochen in Quarantäne. 9 Tage selbstständig. 7 Texte in 7 Tagen. 2 Monate der Freiheit. In 8 Wochen werde ich 25.

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Authentizität

Um etwas zu schaffen, das langfristig Erfolg und Spaß bringt, ist es wichtig seine Ziele unter authentischen Gesichtspunkten zu treffen. Sein größtes