Shape 3 – Eine Entscheidung

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63 Tage im Lockdown. 26 Tage seit dem Erstellen der Website. Nach einer Woche ohne Schlaf, nach 7 Texten in 7 Tagen, muss ich eine Entscheidung treffen.

Freitagabend

Am Freitag sagt mein Boss zu mir: Wir müssen reden.
Ich denke, ihm ist aufgefallen, dass ich nicht mehr richtig, bei der Sache bin. Aber er fragt: Was ist dein Plan?

Ich antworte ehrlich heraus: Ich will kündigen.

Er glaubt es nicht. Ich erzähle ihm, was ich machen will. Schreiben. Dass ich langsam Geld damit verdiene und sich mir Möglichkeiten öffnen.

Er bietet mir seinen Job an. Er will, dass ich das gesamte Projekt leite. Alle Verantwortung, doppeltes Gehalt, das goldene Ticket. Mit der Position hätte ich beruflich ausgesorgt. Mit 24, nach nicht mal einem Jahr in der Firma, müsste ich mir keine Sorgen mehr machen. Diese Position auf meinem Lebenslauf und dann hätte ich es. Hätte alles, wofür viele Studieren, Praktika machen und so weiter. Ein Schritt nach vorne. Er sagt, dass sei nur der Anfang für mich. Ich hätte Talent, wäre gut mit Menschen und ehrgeizig. Mich zu befördern, bedeutet auch für ihn eine Beförderung, aber das sagt er erst am Ende. Fair enough.

Ich sage, ich muss darüber nachdenken. Am Montag hat er meine Antwort.

Tatsächlich muss ich nicht wirklich darüber nachdenken. Ein Teil von mir wünscht sich, dass es mir schwerer fallen würde. Aber es ist eigentlich ganz einfach. Ich will schreiben.

Ich würde gerne sehen, was aus mir würde, als Chef und “Manager”. Ich mag auch einiges an diesem Job. Er hat recht. Mir gefallen die Menschen. Mir gefällt die Position. Ich mag oben stehen und bestimmen, weil ich denke, dass ich das besser kann als andere. Ganz bescheiden. Aber gleichzeitig ist es mir auch wieder so egal. Mit der Zeit würde sich das nicht ändern, nur schlimmer werden.

Schreiben ist mir nicht egal und deswegen fällt es mir wahrscheinlich schwerer. Nun, es fällt mir nicht schwer genug.

 

Einen Schritt zurück

Im mittleren Management einer Firma, hätte ich viele Leute unter mir. Aber auch immer noch genug über mir. Das Grundlegende würde sich nie ändern. Man muss sich immer irgendjemanden gegenüber rechtfertigen. Selbst der “Boss Boss” der Firma hat nicht das Sagen. Irgendwo gibt es einen der mehr Macht hat und dessen Anweisungen muss er dann folgen und so weiter. 

Wahrscheinlich würde ich auch nie ganz nach oben kommen, weil das ja auch nicht so angenehm ist, wie einige denken. Je höher man in der Hierarchie schaut, desto stummer und heimlicher werden die Leute. Als ich in erster Reihe anfing, war mir das direkt aufgefallen. Sie weichen deinen Blicken aus, können es sich nicht leisten mit dir persönlich zu werden. Können überhaupt mit niemandem persönlich werden. Wer sich an der Spitze angreifbar macht, wird gestürzt. 

Ich will mich nicht stürzen lassen, wenn dann nur von mir selber. Wenn man für Leute schreibt, folgt man natürlich auch einer Dienstleistung und muss den Wünschen des Kunden entsprechen, aber zumindest schreibt man dann immer noch. Wenn ich den Job meines Bosses annehmen würde, dann wäre es vorbei mit dem Schreiben. Rein zeitlich schon.

Es scheint vielleicht lächerlich einen Schritt zurück zu machen, als einen nach vorne zu gehen, aber nur auf den ersten Blick und nur für Leute, die keine Ahnung haben. Im Schreiben liegt mehr als irgendwo sonst, in jeder Hinsicht eigentlich. Das weiß ich auch schon lange, aber manchmal muss man wohl wirklich eine Entscheidung treffen, um sich darüber klar zu werden.

Wie gesagt. Nicht, dass die Entscheidung schwierig wäre. Aber sie ist dann doch groß, weil so absolut, weil so langfristig prägend.

Auf die Probe gestellt?

Also stellt mich diese Entscheidung auf die Probe? Nicht wirklich. Wirklich auf die Probe gestellt, wird man von anderen Sachen, von den kleinen Dingen, jeden Tag aufs Neue. Diese Meilensteine ergeben sich von ganz alleine und sind nicht besonders wichtig. Die Arbeit beginnt jeden Tag von vorne. Alltag. 

Wenn man die kleinen Sachen richtig macht, kommt der Rest schon. Darum sind Pläne immer nur kurzfristig gut. Das Größte ist es natürlich, gar keine Pläne zu benötigen. Wenn man täglich macht, was einem offensichtlich scheint und wenn das ausreicht. Ein Luxus, den sich nur wenige leisten können. Ein Luxus, den man sich erarbeiten muss.

Damit meine ich nicht 45 Jahre arbeiten, um dann als Rentner endlich frei zu sein. Damit meine ich mutige Entscheidungen zu treffen, tätig zu bleiben, die richtigen Chancen zu nutzen. Das heißt, genau das machen zu wollen, was man will, bis zum Tot. Morgen sterben zu können uns zu sagen: Gut. Schade drum. Aber gut.

Alltag

Es fällt ja immer einfach in gewissen Stunden solch Worte und Weisheiten von sich zu bringen, aber der praktische Alltag dazu – ist ja viel wichtiger.

Ich mag Weisheiten tatsächlich nicht, weil sie nutzlos sind. Sie wollen immer zu viel, diese Sprüche. Aus jedem Kontext herausgerissen, sind sie doch eigentlich immer leer.

Was sie füllt, ist die eigene Wirklichkeit. 
Deine Weisheiten müssen auch unausgesprochen wirken. 
Durch deine täglichen Taten. 
Ich liebe das Schweigen. 
Darin liegt, was ich sagen will. 
Man muss nicht sprechen, um sich mitzuteilen.

Alltag in Barcelona auf 32m2 plus Balkon nach 63 Tagen in Quarantäne gestaltet sich wie folgt:

1. Am Montag zwischen 5 und 6 aufstehen. Bis 9 schreiben. Bei einigermaßen gutem Wetter mit Neoprenanzug schwimmen gehen. 

2. Frühstück: 1xApfel, 1x Banane, 1x Orange (Blaubeeren, Erdbeeren) + Haferflocken, Walnüsse und Wasser.

3. Kaffee + Zigarette

4. Online gehen. Das Team begrüßen, Statistiken des Vortages auswerten, Feedback geben, Meetings vorbereiten, Probleme lösen

5. Mittags kochen danach Siesta, wenn möglich.

6. Am Nachmittag wieder online gehen. Mit Wassermelone und Musik in Gang kommen. Sicherstellen, dass die Motivation stimmt. 
 

7. Ab 18 wieder schreiben. Irgendwann mit Freundin zu Abend essen und dann noch weiter konsumieren. Filme, Serien, Videos, Bücher, Texte, Bilder. 8.

8. Mit Alkohol, Zigaretten und Tee in den Schlaf finden.
 

Das ist der Umriss eines Tages. Am Wochenende das Gleiche nur eine Spur entspannter. Am Wochenende ist Zeit, für Texte dieser Art. Texte dieser Art, die Freiheit am Nächsten kommen.

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