Jörg Fauser – der erste deutsche Beatnik

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Jörg Fauser – Ein Schriftsteller, den ich erst kürzlich entdeckt habe und gerne schon vor Jahren gelesen hätte. Bei einem Telefonat mir meiner Lektorin hörte ich zum ersten Mal davon: Popliteratur. Tino Hanekamp, Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad Barre, alle noch am Leben und endlich deutsche literarische Texte, die sich der Gegenwart stellten. 

Was mich an deutscher Literatur seit der Grundschule stört, ist dieser Hang zur sterilen Sprache. Seit 250 Jahren gilt Goethe als das Ideal und daneben findet wenig Platz. Hierzulande “vergeistlicht” man wie sonst nirgendwo. Für die Philosophie ist das großartig, aber die Literatur braucht rohe Praxis. Während Kant mit der Kritik der reinen Vernunft die Theorie zur Aufklärung schrieb, hieß Aufklärung in Frankreich und Amerika – Straßenkampf. Das gleiche Bild lässt sich auf die Literatur übertragen. Während man in Deutschland über Literatur nachdenkt, wird sie in Amerika geschrieben. Einer, der das verstanden hat, ist Jörg Fauser. Und auch wenn ihn das zu Lebzeiten zum Außenseiter gemacht, hat er weitergeschrieben. Zum Glück. Heute wollen ihn alle zurück.

Jörg Fauser Leben

1944 wurde Jörg Fauser in Bad Schwalbach im Taunus geboren. Seine frühe Jugend war der Wiederaufbau Deutschlands. Er identifizierte sich von jungen Jahren an wenig, mit der Kulturszene in der Bundesrepublik. Die Nachkriegsruhe und der Wachstumsoptimismus passten nicht in sein Weltbild. Vorbilder fand er in Amerika. Zu Beginn der 60er-Jahre las er zum ersten Mal “On the Road” von Jack Kerouac. In die Legende von Duluoz schreibt er:

Fauser war nicht angepasst, ihn trieb es in die Revolte. Für Politik konnte er sich wenig begeistern, stattdessen, nahm er Drogen. Während seines Ersatzdienstes im Krankenhaus in Heidelberg wurde Fauser Heroin abhängig. Er brach die Stelle ab und zog nach Istanbul, nahm Opium und Heroin und widmete sich der Literatur.

In seinem Meisterwerk Rohstoff, schreibt er über die Zeit in Istanbuls Drogenviertel Tophane. Ein Jahr schreibt er in den wachen Phasen seinen “Blues” per Hand in Notizbücher, die Istanbul nie verlassen sollten. Zurück in Deutschland lebt er in West-Berlin und Frankfurt. Es ist das Jahr 1968 und Fauser Generation erhebt sich. Er selbst bleibt am Rand, schreibt und verfällt wieder nicht dem optimistischen Ton seiner Altersgenossen. 1971 kommt er vom Heroin runter und arbeitet in München für verschiedene Zeitungen und Magazine.

1980 gelang mit “Der Schneemann” dann auch der literaische Durchbruch. Um in Deutschland verkauft zu werden, musste es am Ende ein Krimi sein. Seine von den Amerikanern Burroughs und Ginsberg inspirierten Gedichte, verstand hierzulande keiner. Sein Wissen aus den Rändern der Gesellschaft nutzte Fauser für Kriminalgeschichten. Bis zu seinem Tod 87, schrieb er drei Romane. Dann ein abruptes Ende, ein absurder Tod. Nach seiner Geburtstagsfeier am 17.Juni, erfasste ihn um 04:10 ein Lastkraftwagen auf der A94 bei München.

Jörg Fauser und die Kritiker

Auf Youtube gibt es eine Videoaufzeichnung des Ingeborg-Bachmann-Preises von 1984. Einmal und nie wieder hatte Fauser an einem Wettbewerb dieser Art teilgenommen. In diesem Video liest Fauser zuerst seinen Text vor und wird dann von der Jury bewertet. Und “bewertet” wird er wirklich. Angeführt von Marcel Reich Ranicki “So ein Autor gehört hier nicht her”, lässt einer nach dem anderen seine Kritik an ihm aus. Kritik an ihm, trifft es besser als Kritik an seinem Text. Wofür Fauser steht, das Rohe und Rücksichtlose, ist von den feinen Ohren des Feuilletons nie gewertschätzt worden. Im Video sieht man Jörg Fauser sprachlos dieser Hinrichtung folgen. Das Glas Orangensaft auf seinem Pult rührt er nicht an.

Heute besinnt man sich bei Ingeborg Bachmann Preis in Klagenfurt auf Fauser. Während der Preis in finanziellen Schwierigkeiten steckt und Zuschauerzahlen sinken, hält Michael Kohlmeier 2019 eine Eröffnungsrede, die so keiner erwartet hat. Er spricht über Fauser und erinnert an 1984.

“Dies sei einem Schriftsteller geschehen, dem sämtliche anwesende Personen übereinandergestellt noch nicht ans Kinn gereicht hätten.”

Kohlmeier will wachrütteln mit seiner Rede. Der Preis solle bestehen bleiben, aber man müsse aus den verstaubten Zeiten eines Marcel Reich Ranicki aufwachen und Literatur würdigen, wie sie im 21. Jahrhundert geschrieben wird.

Fauser und die Popliteratur

Obwohl man erst nach seinem Tod, erkannte wie wichtig er war, konnte Fauser auch schon zu Lebzeiten einige Erfolge feiern. Für Achim Reichel schrieb er Liedtexte. Mit “Der Spieler”, schaffte es Fauser sogar auf Platz 9 der deutschen Charts. Durch seine Studien der “Beat Generation” brachte Fauser ein Weltbild nach Deutschland, das bis heute prägend sein sollte. Pop war geboren und hatte mit Fauser seinen ersten deutschen Experten gefunden.

Auf ihn bauen alle auf. Moderne Klassiker wie “Faserland” von Christian Kracht oder Panikherz von Benjamin von Stuckrad Barre, sind ohne Fauser nicht vorstellbar. Sie benutzen einfache Sprache und zeigen authentisch-dreckige Bilder, wie es vor Fauser niemand in Deutschland gewagt hat.

Den Kopf hinhalten für Freiheit – das trifft auf Fausers Charaktere zu. Sie gehen keine Kompromisse ein und lassen sich nicht korrumpieren. Dem eigenen Verderben versuchen sie nicht auszuweichen, sondern öffnen die Arme im stillen Gruß. Sie sind Abbilder Fauser selbst, der das Schreiben ernster nahm, als alle, die über ihn schrieben. In seiner Hingabe zur Literatur und in seiner Authentizität dabei, ist er ein Vorbild. In diesem Sinne schließe ich diesen Text mit den letzten Zeilen Fausers ersten Roman, der Schneemann:

“Was machst du jetzt, Blum?

Ja, was machte er jetzt? Er hatte wieder die Qual der Wahl. Manche Firmen gingen bankrott, und andere machten weiter. Manche Menschen verloren, aber damit hatten die anderen auch nicht gewonnen. Er warf seine Kippe in den Wind und blickte auf die Uhr. 

Ich seh mir die Show in der Roxy-Bar an, sagte Blum”.

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