Katalonien im Wandel

Katalonien im Wandel – Zeit, für einen Neuanfang

Im Jahr 2020 steht Katalonien mal wieder an einem Scheideweg. In den letzten zehn Jahren kämpfte man vehement für die Unabhängigkeit. Gleichzeitig wuchs der Tourismus stetig an. Jedes Jahr wurden die Demonstrationen im Oktober brutaler. Gleichzeitig erlebte der FC Barcelona die erfolgreichsten Jahre seiner Vereinsgeschichte. Spätestens seit dem 8:2 in der Champions League gegen Bayern hat all das ein Ende. Eine Stadt auf ihren Fußballverein zu reduzieren scheint zu einfach. Aber Barça und die Stadt sind nicht zu trennen. Im Verein konzentriert sich der Stolz der Region. Mes que un club (Mehr als ein Verein) ist das Motto. Zuletzt diente das Stadion als Rückzugsort für politisch Verfolgte. Pandemie, Tourismuswahnsinn und Fußballdebakel führen gemeinsam zu einer Erkenntnis – Katalonien ist im Wandel. Wohin geht die Reise?

Das Ende kommt nicht plötzlich

Vor zehn Jahren schien die Unabhängigkeit wieder einmal greifbar. Die Hoffnung war groß. Der spanische Staat hatte viele Zugeständnisse gemacht. Die Autonomie wurde endlich Realität. Gleichzeitig gewann Barça die Champions League unter Pep Guardiola. Messi war jung und alles schien möglich. Dann wurde Mariano Rajoy neuer spanischer Präsident. Der konservative Politiker hatte im Wahlkampf ein Thema: Keine Unabhängigkeit für Katalonien. Seine Regierung nahm daraufhin alle Autonomieversprechen zurück. Rajoy war zu keinem Kompromiss bereit. Die Situation eskalierte. Das katalanische Parlament rief ein Referendum aus und Rajoy schickte das Militär. Spätestens dann bekam Katalonien die Aufmerksamkeit, die es wollte.

Mediale Aufmerksamkeit ändert nichts

Die Welt verurteilte die Polizeigewalt, befürwortete die Unabhängigkeitsbewegung aber nicht. Jedes Jahr im Oktober zu den Nationalfeiertagen wurden die Demonstrationen größer. Das Ganze gipfelte 2019, als das Zentrum Barcelonas für einige Nächte brannte. Mittlerweile sind fast alle der Politiker, die das Referendum zu verantworten haben, im Gefängnis. Die internationale Aufmerksamkeit führte zu nichts. Einzig der Tourismus war in den letzten zehn Jahren stetig gestiegen. 

Barcelona ist ausgebrannt

Die brennenden Mülltonnen im letzten Jahr, sind ein Sinnbild für den Schrei nach Aufmerksamkeit der Region. Als der Traum nicht Erfüllung zu werden schien, verdoppelte man die Anstrengungen. Größere Banner auf den Demonstrationen, teurere Spieler für den Fußballverein. Die Ansprüche, die man als Weltstadt auf sich nahm, kehrten sich ins Gegenteil um. Anstatt jungen Spielern aus den eigenen Reihen Platz zu geben, kaufte man Weltstars. Gewinnen – egal wie, war das Motto. Weder die Unabhängigkeitsbewegung noch der FC Barcelona haben irgendetwas gewonnen. Das Feuer ist aus – Barcelona ist ausgebrannt. Die Pandemie hat der Stadt den letzten Schlag verpasst. Das Spiel gegen die Bayern hat alle gezwungen hinzuschauen.

Die Ruhe nach dem Sturm

Der Sturm der letzten zehn Jahre ist vorbei. In seinem Schatten haben sich viel größere Unwetter zusammengetan. Die Verschmutzung der Stadt und des Meeres sind ein Thema. Der Massentourismus, der die Stadt entfremdet, ist ein anderes. Erst die Pandemie hat alle gezwungen innezuhalten. Der heiße Fiebertraum am Mittelmeer kam zu einem plötzlichen Ende. In den Wohnungen eingeschlossen, erlosch die bereits schwache Flamme nach und nach. Seit der Öffnung bleiben die Touristen aus. Es kehrt Ruhe ein. Der Blick klart wieder auf. Am Horizont steht ein neuer Sturm. Globale Katastrophen reißen die Stadt aus ihrer Aufstandsromantik. 

Endlich ein Neuanfang

Aus wirtschaftlicher und persönlicher Sicht ist ein Umdenken nötig. Die Unabhängigkeit mag Ziel und Inhalt bleiben, aber die Form muss sich ändern. Einst verkörperte der Spielstil des FC Barcelona die Zukunft. Tiki Taka beherrschte die Welt. Das ist vorbei. Dreckige Meere, Autos in der Innenstadt und Kreuzfahrttourismus sind nicht die Zukunft. Katalonien und Barcelona haben jetzt wieder Zeit durchzuatmen. In der Wendung nach innen liegt mehr Unabhängigkeit als in neugezogenen Staatsgrenzen. Die Region muss sich mit sich selbst befassen. Wer seine Kultur erhalten will, muss sie nach außen tragen, anstatt sie hinter Mauern schützen zu wollen. Für Barça muss die Fußballakademie La Messia wieder in den Fokus treten. Barcelona muss sich dem Massentourismus stellen. Nachhaltige Lösungen werden gebraucht. Lösungen findet man, wenn man anfängt, Probleme zu akzeptieren. Daran führt in Katalonien nun nichts mehr vorbei.

Katalonien im Wandel - Fazit

Katalonien hat eine lange Tradition der Unterdrückung. Schon immer gibt es hier ein stolzes Arbeiterbewusstsein. Im Kampf um Selbstbestimmung nehmen die Katalanen seit Generationen die Rolle des Märtyrers ein. Lieber mit erhobenem Kopf untergehen, als sich selbst zu verraten – Diese Haltung hat die Region in den letzten Jahren verloren. Der Wohlstand hat zufrieden gemacht. Die Konzentration auf die Unabhängigkeit gab den Schein von Lebendigkeit. Jetzt ist man gezwungen sich wieder mit sich selbst auseinanderzusetzen. Thema der Zukunft bleibt Selbstbestimmung. Daneben muss man sich aber mit Themen, wie Globalisierung und Nachhaltigkeit auseinandersetzen. La Fabrica de Sol – die Sonnenfabrik im Barceloneta Park ist ein erster Schritt. Potenzial ist da – ein Neubeginn notwendig – Freiheit das Ziel.  

– BLAU –

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