Allein Reisen in Andalusien – 5 Erinnerungen

Ein Land, ein Mann und ein Buch – allein Reisen in Andalusien

Spanien ist ein altes Land. Unter seiner Flagge kommen verschiedne Kulturen, Sprachen und Schicksale zusammen. Im Norden und Osten übt man viel Kritik an Spanien. Das Baskenland und Katalonien wollen unabhängig sein. In Galizien sieht man auch alles anders. Wirklich spanisch fühlt man sich vor allem im Süden. Andalusien verkörpert das alte Spanien. 

Man kann viel über Andalusien streiten. Ich will mich hier nicht positionieren. Ich weiß nur eines über den Süden von Spanien: 

Andalusien vergisst man nicht.

Als ich das erste Mal nach Andalusien kam, reiste ich alleine. Alles, was ich hatte, war ein Rucksack, ein Zelt und ein Buch. Dies ist meine Geschichte.

Inhalt

Meine Motivation zum allein Reisen

Als ich von meiner Reise aus Schweden zurückkam, begann in Hamburg eine neue Zeit.  

Um es kurzzufassen: Ich hatte ein neues Studium angefangen. Ich lernte ein Mädchen kennen. Das Mädchen hatte einen Freund. Sie verließ ihren Freund nicht.

Als der Traum Ende Februar vorbei war, musste ich weg. Ich glaube, es gibt wenige Dinge, die trostloser sind als ein Februar in Hamburg am Ende einer Liebe. Wie auch immer. Ich musste raus. Also tat ich das. Andalusien.

Warum Andalusien?

Wie bei meiner ersten Reise alleine nach Portugal brauchte ich vor allem Sonne. In Portugal war ich schon, also ging es dieses Mal nach Spanien. Dazu kam ein Buch, das ich zu jener Zeit las. “For whom the bell tolls” von Ernest Hemingway spielt während des spanischen Bürgerkrieges in den Bergen. Ich mochte das Buch, also ging ich nach Spanien in die Berge.

Warum Andalusien ?

Allein Reisen in Andalusien - Vorbereitung

“I loved you when I saw you today and I loved you always but I never saw you before.”

                                                                                         – Hemingway

 Mein Plan war, nach Malaga zu fliegen und von dort einen Bus in das Hinterland zu nehmen, um von den Bergen hinunter ans Mittelmeer zu wandern. 

Anders als bei meinen ersten Reisen alleine recherchierte ich vorher im Internet. Durch Andalusien verläuft der Gran Senada de Malaga. Das ist ein Wanderweg, der die verschiedenen Provinzen verbindet. Er führt hoch in die Berge und ganz nahm am Meer entlang. Hier ist der Link zur offiziellen Seite.

In 14 Tagen allein Reisen in Andalusien passierte viel. Mittlerweile lebe ich in Barcelona und bin hier angekommen. Meine Ankunft in Spanien war damals alles andere als perfekt.

Alleine Reisen in Andalusien - 5 Erinnerungen

Ich trage 5 Erinnerungen jener Reise immer mit mir herum. Die Erinnerungen sind verschieden. Einige sind nur einen Augenblick lang, andere erstrecken sich über Tage. Sie sind, was mir vom allein Reisen in Andalusien geblieben sind. Hier ist Nummer 1. 

1. Erinnerung: Die Wärme

Mein Flugzeug aus Hamburg landete um kurz nach Mitternacht in Malaga. Auf dem Flughafen Costa de Sol war es warm. In Andalusien ist es immer warm. Ob Tag oder Nacht, Winter oder Sommer, auch wenn es regnet – es ist warm!

Ich nahm ein Taxi zum Busbahnhof. Von der Reise war ich ungewöhnlich wach für diese Tageszeit. Ich hatte im Flugzeug geschlafen. Die Lichter der Stadt waren sehr hell und es gab keine Autos auf den Straßen. Vor dem Bahnhof stieg ich aus, bezahlte den Fahrer und setzte meinen Rucksack auf. Die Bahnhofshalle war zu allen Seiten offen. Das Licht hier war orange. Ich fand eine Bank und rauchte und las bis zum Morgen.

Malaga

 Um 07:00 zog ein alter Mann die Metallwand vor seiner Bar hoch. In Portugal nennt man diese Läden Pastelerias. Es gibt dort Croissants und Espresso für einen Euro. In Spanien nennt man sie Cafés oder Bars. Ich saß also in der Bar und trank einen Cortado und rauchte und las.

Die Ticketschalter öffneten um 09:00. Ich wollte nach Sedella, einem kleinen Dorf im Hinterland von Malaga. In der App Rome2Rio hatte ich herausgefunden, dass es eine Busverbindung gab. Die gab es auch, das bestätigte mir die Señora hinter dem Schalter. Der Bus fuhr einmal die Woche. Ich hatte Glück: Der Bus fuhr jeden Mittwoch und es war Mittwoch.

2. Erinnerung: José

 Die Erinnerung an José ist ein Wechsel von Licht und Schatten. Zuerst war da Licht. 

Der Bus nach Sedella fuhr von Malaga, die Costa de Sol entlang nach Osten. Über dem Mittelmeer ging die Sonne unter. Das Wasser war stürmisch-blau. Der Himmel orange. Ein einzelnes weißes Segelboot kämpfte im Wind. Die Wellen schlugen dunkel und weiß gegen die Klippen. Der Bus wendete nach Norden und schob sich in Serpentinen die Berge hoch. Mit jeder Umrundung wurde es dunkler, bis alles schwarz war und ich in der Fensterscheibe nur noch mein eigenes, blasses Gesicht sehen konnte.

Malaga

Allein Reisen in Andalusien - Die erste Nacht

Sedella ist ein Dorf aus weißen Häusern, die steil an die Felswand gebaut sind und sich bis in das Tal erstrecken. Als ich dort ankam, sah ich das alles nicht. Eine orangene Laterne reflektierte an eine Häuserwand. Die Scheinwerfer des Busses entfernten sich. 

Im Dorf hatte alles geschlossen. Ich hatte ein Zelt dabei, aber konnte unmöglich in der Dunkelheit einen Platz finden. Alles war steil und steinig und dunkel. Schließlich fand ich eine Bar.

Später auf diesem Trip schrieb ich eine Geschichte. Ich erkläre noch, wie es dazu kam. Hier jetzt ein Auszug aus der Geschichte.

Auszug aus: "Vom Wert des Reisens"

“Auf einem kleinen Fernseher in der hinteren Ecke des Raumes läuft Fußball, Barcelona spielt. Davor sitzt ein kleiner Mann und hinter dem Tresen steht ein weiterer Mann, der mich mit hochgezogenen Augen anstarrt. Ansonsten ist niemand dort. Ich trete an den Tresen und frage den Mann nach einer Möglichkeit, die Nacht zu überdauern. Ungläubig schüttelt er den Kopf, wie, als wäre es lächerlich, so etwas hier zu vermuten. Dann hält er inne und fragt: „Catolico?“. Ich nehme an, dass er mich fragt, ob ich Katholik sei und verneine. Wieder schüttelt er den Kopf. Ich wende mich ab. Panik kommt auf. Plötzlich ruft der Mann vor dem Fernseher etwas.”

Allein Reisen Überraschungen

 Junge, sagte er auf Deutsch. Junge. Komm, trink ein Bier. Ich ging zu ihm und er lud mich auf ein Bier ein. Wie sich herausstellte, war “Junge” und “Komm, trink ein Bier” so gut wie alles, was er auf Deutsch sagen konnte. Sein Name war José und er hatte vor 30 Jahren mal in Deutschland gearbeitet. 
 
Wir schauten das Spiel, tranken Cervezas und nickten einander zu. Ich konnte damals noch kein Spanisch und wir sprachen wenig. Er zeigte mir ein Foto seiner Familie, das in seinem Portemonnaie steckte. Ich nickte ihm zu und lächelte. Er lächelte zurück und wir tranken noch ein Bier.
 
Schlafen?, fragte er, als das Spiel vorbei war. Barcelona hatte gewonnen. Ich nickte. Er deutete an, ihm zu folgen und ich folgte ihm. Wir stiegen in sein Auto. Auf dem Beifahrersitz schlief eine Katze. José steckte sich eine Zigarette an und rauchte am offenen Fenster. Sein Wagen bog in die Nacht und ich vertraute ihm.

Allein Reisen Überraschungen
Die Hütte von José am nächsten Morgen.

3. Erinnerung: Glockenläuten

Von Sedella wanderte ich einige Tage alleine weiter. Ich folgte dem Gran Senada de Malaga nach Süden. Tagsüber hörte ich in den Bergen ein Glockenläuten. Der Weg führte zwischen Schluchten hindurch. Die Natur war verlassen, weit und wunderschön. Am Horizont lag das Mittelmeer. Dort wollte ich hin. Jeden Tag kam ich durch ein kleines Dorf. Ich kaufte Brot und Wasser. Am Abend suchte ich mir in den Bergen einen Platz für die Nacht.

Tatsächlich erinnere mich nur einen Abend in der Bergen Ganz genau. Ich fand eine Lichtung hoch in den Bergen am Rand einer Klippe.

Glockenläuten

Die Ziegen von Salares

Ich stellte mein Zelt auf die Lichtung. Mit nackten Füßen ging ich über das Gras. Als die Sonne unterging, saß ich auf meiner Lichtung am Abgrund und schaute zum Meer. Da waren wieder die Glocken. Sie klangen jetzt von ganz nah.

Ich erinnere mich an die erste Ziege, die auf meine Lichtung kam. Sie hatte Hörner und eine Glocke um den Hals. Eine Zweite folgte ihr aus dem Wald. Sie grasten und verschwanden wieder. Zwischen den Bäumen kamen immer mehr hervor. Einige hatten Hörner, andere nicht. Einige trugen Glocken, andere nicht. Die Sonne war jetzt hinter den Bergen untergegangen. Das Licht war orange und gelb und blau. Ich lächelte. Ich lächelte alleine. Die Ziegen von Salares grasten und folgten einander über die Lichtung.

4. Erinnerung: Regen in Cómpeta

Es hatte die ganze Nacht und den ganzen Morgen geregnet. Es regnete noch immer, als ich am Mittag das Dorf Cómpeta erreichte. Ich war müde, nass und hungrig. Ich nahm mir ein Zimmer im Hotel Balcon de Cómpeta, duschte und schlief

Im Winter in Hamburg allein

Im Winter in Hamburg hatte ich über meine Verhältnisse gelebt. Ich aß wenig, trank und rauchte zu viel. Ich war verliebt, aber die Liebe fand vor allem in meinem Kopf statt. Die Momente zu zweit waren rar und meistens Drama, aber auch schön. Ich lebte von diesen Momenten. In meinem Kopf wurden sie stärker, als Liebe in der Wirklichkeit jemals sein kann. Ich lebte den Traum in meinem kalten Zimmer alleine – gewärmt vom Rausch und den Möglichkeiten, oh all den Möglichkeiten.

Die Leiden des Jungen Werther

 In der Schule mussten wir “Die Leiden des Jungen Werther” von Goethe lesen. Das Buch gab mir damals wenig. Es war alles zu viel und zu übertrieben. Im Winter in Hamburg vor der Reise nach Andalusien las ich das Buch erneut. Ich fand mich in jeder Zeile. Werther war ich und ich war Werther. 

Wer die Geschichte nicht kennt – Ein junger Künstler verliebt sich in ein Mädchen, das mit einem anderen verlobt ist. Der junge Künstler fühlt sich so lebendig wie nie zuvor. Er brennt und kämpft und scheitert.

 “Wenn sich zweie lieben sollen,
 Braucht man sie nur zu scheiden.”

                                                                       – Goethe

Am Ende nimmt sich Werther das Leben. So weit ging ich nicht. Ich ging allein Reisen in Andalusien.

For Whom the Bell Tolls

“I am an old man who will live until I die, Anselmo said.”

                                                                                    – Hemingway

 In Andalusien war Hamburg im Winter und Goethe weit entfernt. Ich las Hemingway und heilte an der frischen Luft. Ich heilte an Wasser, Brot und den Routinen. Ich dachte natürlich viel über Hamburg nach. Aber dann las ich Hemingway und dann konnte ich es tragen.

“For Whom the Bell Tolls” spielt im Spanischen Bürgerkrieg in einem Partisanenversteck in den Bergen. Der Hauptcharakter hat den Auftrag, eine Brücke zu sprengen. Hemingway schreibt über die Anspannung in der Einsamkeit und die Angst vor dem Tod.

“So now do not worry, take what you have, and do your work and you will have a long life and a very merry one.”

Und so versuchte ich es zu sehen.

You might as well enjoy it

 Als ich am nächsten Morgen aufwachte, regnete es noch immer. Im Hotel gab es Frühstück und ich aß etliche Toast mit Ei. Dazu gab es Orangensaft und Kaffee. Der Saal war ganz aus Holz und hatte große Fenster zum Innenhof. Hinter den Scheiben fiel der Regen stark. Einer der camareros erklärte mir, dass es in den Bergen manchmal eine Woche so regnete. 

Ich nahm einen Kaffee mit auf mein Zimmer und rauchte im Bett. Mein Buch war im Regen nass geworden. Einige Seiten waren lose. Ich nahm eine der Seiten und las:

“This was a big storm and he might as well enjoy it. It was ruining everything, but you might as well enjoy it”

Ich lächelte wieder allein und nahm mein schwarzes Notizbuch und schrieb.

Allein Reisen in Andalusien - Eine neue Geschichte beginnt

 Ich schrieb den ganzen Tag und die halbe Nacht. Der Regen hielt keine Woche, aber fünf Tage. Ich schrieb an einer neuen Geschichte und rauchte mit der Balkontür offen, während draußen der Regen rauschte.

5. Erinnerung: Nerja und der Strand der Obdachlosen

 Am Ende meiner Reise erreichte ich das Wasser. Bei Nerja fand ich einen Strand. An diesem Strand lebten Obdachlose. Obdachlose mit Stil, die es sich an der südlichsten Küste Europas gemütlich gemacht hatten. Sie hatten Hütten im Schilf gebaut, die hinter dem Strand erhöht lagen. Technisch waren sie dann wohl nicht obdachlos.

Wie auch immer, sie erklärten mir, dass ich mit meinem Zelt vorsichtig sein müsste. Nachts käme die Flut manchmal stark und würde den ganzen Strand unter Wasser setzen. Ich baute einen Wall aus Steinen um mein Zelt, bis ein alter Mann aus seiner Hütte im Schilf kam und mich anlächelte. Die anderen, die am Strand lebten, waren jünger. Er hatte lange graue Haare und einen Bart. 

Tranquilo, sagte er. 

Nerja und der Strand der Obdachlosen

Er wusste

 Der alte Mann erklärte mir auf Spanisch, dass die Flut heute Nacht nicht stark werden würde. Ich verstand nicht alles, aber ich verstand sein “Tranquilo”. Er wusste. 

Am nächsten Morgen war mein Zelt trocken und der Himmel klar und blau. Der alte Mann baute am Strand Figuren aus Steinen. Solche, bei denen man die Steine im Gleichgewicht halten muss. Warte, ich suche ein Bild raus.

Solche Figuren baute er. Er rief mich zu sich. Wir kochten Kaffee auf meinem Gasbrenner und er rollte einen Joint. Wir rauchten und schauten aufs Meer. Ich erklärte ihm, ich würde schwimmen gehen. Er lächelte mich unter seinem Bart an. Er wusste. 

“I suppose if a man has something once, always something of it remains.”