Allein reisen in Schweden – 7 Tage ohne Menschen [Erfahrungsbericht]

 “I am my mother’s only one
 It’s enough
 I wear my garment so it shows
 Now you know”

                                                                                                      – Bon Iver (Flume)

Allein reisen in Schweden bietet sich an. Das Land ist groß, aber kaum besiedelt. Es gibt dort im Grunde zwei Dinge – Wald und Wasser. Ostsee und Nordsee umschließen das Land. An den Küsten liegen die Städte. Im Süden grenzt Dänemark und im Norden der große Bruder Norwegen. Dazwischen gibt es Wälder und Seen. Vor allem in Südschweden gibt es ein ausgedehntes Netzwerk aus Fernwanderwegen. Sie erstrecken sich von Küste zu Küste. Entlang ihrer Wege gilt das Jedermansrecht.  

Dieser Text erzählt von meinen Erfahrungen als Alleinreisender in Schweden. Ich erkläre, wie man sich auf das alleine Reisen am besten vorbereitet und was in Schweden zu beachten ist. Vor allem aber berichte ich über das Ausreißen in die Wildnis und den Kampf mit sich selbst. Ich musste raus aus meinem Alltag in Hamburg. Ich Schwedens Wäldern habe ich Freiheit gefunden. 7 Tage in Folge bin ich auf keinen anderen Menschen getroffen. 

Inhalt

Bon Iver - Musik beim allein Reisen

 Im Winter 2007 ging der amerikanische Folksänger Justin Vernon in die Wälder. Er löste seine Band auf, trennte sich von seiner Freundin und kam nach Hause. In Wisconsin, lebte Vernon führ drei Monate in einer Hütte im Wald. Als der Winter vorbei war, hatte Vernon ein Album geschrieben und einen neuen Namen. Er nannte sich jetzt Bon Iver. Sein Album “For Emma forever ago” machte ihn zum Weltstar. 

Auf meiner Reise durch Schweden hatte ich einen alten iPod Touch dabei. Wenn ich heute Bon Ivers Album höre, bin ich direkt wieder dort, im Wald, in Schweden und allein. Musik beim allein Reisen ist sehr wichtig. Vernons Lieder begleiteten mich in Schweden und sind somit auch Teil dieser Erzählung.

Allein Reisen in Schweden - Die Vorbereitung

Wer meinen Artikel über Portugal gelesen hat, weiß, dass ich Scheiße im Vorbereiten bin. Bei meiner ersten Reise alleine wusste ich nichts. In Schweden wusste ich schon mehr. 

Skåneleden alleine wandern

 Im Süden von Schweden liegt die Region Skåne. Das Gebiet erstreckt sich von der Ostsee bis zur Nordsee. Göteborg und Malmö sind die beiden größten Städte. Skåneleden nennt sich das über 1300 km lange Netzwerk aus Wanderwegen im Süden von Schweden. Im Internet habe ich gelesen, dass viele Schweden auf dem Skåneleden alleine wandern gehen. Getroffen habe ich auf meiner Reise aber keinen.

Es gibt eine Website, die auf sehr schöne Weise Informationen und Kartenmaterial anbietet. Ich möchte die Seite mit euch teilen, weil sie sehr gut ist und einen schönen ersten Eindruck vermittelt. Hier der Link

Meine Motivation zum allein Reisen

 Meine Motivation zum allein Reisen, kann ich bis heute nicht in Worte fassen.

Warum machst du das, Junge?, fragte mich mein Vater bevor ich nach Schweden ging. Ich zuckte mit den Schultern. Ich wusste nur, dass ich raus musste, irgendwo hin, wo sonst niemand war. Ich studierte zu jener Zeit und mein Plan war es, nach dem Studium an der Universität zu bleiben. Es gab damals viele Dinge, die ich nicht wollte, aber wollen tat ich wenig. Spät im Sommer entschied ich spontan, noch einmal wandern zu gehen.

Ausrüstung zum allein Reisen

 Im letzten Artikel habe ich beschrieben, wie ich meine gesamte Ausrüstung zum allein Reisen billig auf Amazon bestellte. 

Dieses Mal machte ich es besser.

Ich ging zu Globetrotter in Hamburg und kaufte mir ein ordentliches Zelt, Isomatte und Schlafsack. 

Ohne diese Dinge ist man im Wald in Schweden verloren. Bei anderen Wanderungen enden die einzelnen Tagesetappen oft in einem Ort mit Supermarkt und Hotel. In Schwedens Wäldern können Tage vergehen, bis man auf eine Siedlung trifft. Dementsprechend sollte man sich auf das Wandern alleine vorbereiten. 

Wichtige Hinweise zum allein Reisen in Schweden:

Hinweise, die du für das allein Reisen in Schweden wichtig sind:

  • Habe immer etwas zu essen dabei. 
  • Wasser gibt es entlang der Fernwanderwege in großen Container.
  • In Schweden gilt das Jedermannsrecht

Anreise zum Skåneleden in Schweden

 Die Anreise zum allein Wandern nach Schweden ist auf verschiedenen Wegen möglich. Allen Wegen gemeinsam ist, dass sie über das Wasser führen. Von Kopenhagen kann man über die großen Beltbrücken nach Malmö übersetzen. Man kann fliegen oder in Rostock und Kiel eine der Fähren benutzen. Es gibt sicher noch mehr Wege, aber diese fallen mir gerade ein.

Ich hatte das Glück, dass meine Schwester zur gleichen Zeit einen Norwegentrip plante. So konnte ich bei ihr und ihrem Freund mitfahren. Ich erinnere mich, wie ich mit meinem Rucksack in Hamburg vor der Wohnung auf sie wartete. Ich war nervös und dankbar, dass ich erst einmal nicht allein reisen würde.

Ängerholm 

Ängerholm ist eine kleine Stadt an der Nordseeküste. Hier begann meine Reise. Ich verabschiedete mich von meiner Schwester auf dem Parkplatz eines Supermarktes. Zuerst galt es den Beginn des Wanderweges zu finden. Ich ging durch die Innenstadt. Die Straßen waren sauber und ruhig. Mit meinem großen Rucksack fühlte ich mich fremd. Was wollte ich hier??

Nordsee ...

 Mir wurde heiß, als ich am Ende der Straße auf einen toten Bahnhof stoß. Ich musste ans Wasser, aber hier ging es nicht weiter. Ein älterer Mann mit Hund kam die Straße entlang. Ich ging auf ihn zu und fragte in Englisch: In welcher Richtung ist die Ostsee?

Er erwiderte ganz trocken: Well, it´s about 200km in that direction” und zeigte dabei mit der Hand nach Osten. Ängerholm lag natürlich an der Nordsee. Mein Gesicht brannte. Ich bedankte mich und fand daraufhin alleine zum Wasser. 

Ängerholm und Vejbistrand

 Zwischen Ängerholm und Vejbistrand führt der Skåneleden eine durchgängige Strandpromenade am Wasser entlang.  Mal ist der Weg aus Stein gepflastert, mal aus harter Erde. Wohnhäuser und Hafenanlagen prägen das Bild. Einige Jogger kamen mit entgegen. 

Wo war hier die Wildnis? Schweden ist wohl eines der modernsten und westlichsten Länder der Erde. Das Land ist liberal, reich und weiß. Vieles dort erinnerte mich an Hamburg. Alles fühlte sich sehr vertraut an. Was wollte ich hier?

Am frühen Abend zog Nieselregen über der Nordsee auf. Ich fand am Wegesrand einen Platz unter Bäumen. Ich stellte das Zelt auf und kochte Reis im Schutz meiner Regenplane. Bevor ich einschlief, hörte ich Musik. Regen tropfte leise auf die Zeltwand.

Routen auf dem Skåneleden

 Am nächsten Tag wachte ich früh auf. Ich verstaute das Zelt, die Isomatte und den Schlafsack. In einem Supermarkt in Vejbistrand kaufte ich Bananen, Äpfel und Schokoladenmilch. Dann kehrte ich dem Wasser den Rücken und ging ins Landesinnere. Für die nächsten 7 Tage traf ich keinen Menschen mehr.

Jetzt folgen Teile der offiziellen Routen entlang des Skåneleden, die ich auf meiner Reise gewandert bin. 

Vejbistrand und Hålehall 

 Von Vejbistrand führen Straßen ins Landesinnere. Für eine Weile folgte ich einer von Ihnen. Auf meinem Handy hatte ich die App Maps.me runtergeladen. Wanderwege und Wasserstellen waren darauf verzeichnet. Ansonsten gab es in der Region Skåne in unregelmäßigen Abständen Wegweiser, die die verschiedenen Routen kennzeichneten. 

Zwischen der Nordseeküste bei Ängelholm und den ersten Wäldern erstreckt sich eine breite Ebene. Hinter Vejbistrand geht der Weg über schmale Wege durch flaches Land. Bei Förslöv wird es grün. Der Skåneleden windet sich in einem Buchenwald den ersten Hang hinauf. Nach rund 15 Kilometer erreicht man über Forstwege das Gebiet Hålehall. Der Wald war früher Sammelpunkt für Banditen, die auf der Straße Reisende überfielen. Heute ist es ein Erholungsgebiet mit Bachläufen.

Hålehall und Örlid

 An meinem dritten Tag in Schweden folgte ich dem ganzen Tag einem Forstweg. Zwischen Hålehall und Örlid führt ein breitgeschlagener Pfad durch den Wald. Ich kam gut voran und mir war langweilig. Vor mir der gerade Weg und um mich herum Bäume bis ins Unendliche – über mir ein Himmel aus Blättern.

Ich muss ehrlich sein – ich hatte es mir spannender vorgestellt..

Ich aß regelmäßig. Es gab gekochten Reis und Salami. Ich aß das zweimal am Tag. Ansonsten folgte ich dem Weg immer tiefer in den Wald.

Koarp - Brammerap

 “Someday, my pain
 Someday, my pain will mark you
 Harness your blame
 Harness your blame and walk through”  

                                                                                                             – Bon Iver (The Wolves)

 Zwischen Koarp und Brammerap traf ich auf die ersten Nadelwälder. Der Forstweg wurde steiler. Hin und wieder überquerte ich eine gerodete Lichtung. Ich folgte dem Weg, aß zur Mittagszeit und ging weiter. 

Zwischen den Bäumen stand die Luft an jenem Tag. Der Himmel war eine einzige Wolke. Ich wusste, es würde bald regnen.

Donner

 Am späten Nachmittag brach die Stille. Wind kam auf. Die Wipfel der Bäume bewegten sich. Erste Regentropfen fielen auf mein Gesicht. Ich musste jetzt bald ins Zelt, aber hier konnte ich es nicht aufschlagen. Entlang des Weges war der Untergrund zu steil und uneben.

Als es richtig losging, war ich noch immer auf dem Weg. Ich glaubte, tiefer im Wald eine ebene Stelle zu sehen. Kurzentschlossen ging ich ins Unterholz. Zwischen den Bäumen war es jetzt dunkel. Es regnete, war windig und in der Ferne hörte ich Donner

Hinter mir konnte ich den Weg nicht mehr erkennen. Ich irrte durch den dunklen Wald. Irgendwann ließ ich meinen Rucksack fallen und zog das Zelt heraus.

Allein Reisen im Wald

 Es gelang mir, einigermaßen trocken ins Zelt zu kommen. Draußen stürmte es. Ich war drinnen. Meine nassen Sachen und die Schuhe lagen unter der Plane. Meinen Rucksack hatte ich neben mir im Zelt. Es war eng im Zelt. Ich musste ganz still liegen, um die Innenwand nicht zu berühren.

Ich lag ganz still und draußen stürmte es. Mit einer Hand zog ich mein schwarzes Notizbuch aus dem Rucksack. Ich schaltete meinen iPod an und schrieb: Ich bin im Wald und allein.

“Would you really rush out?
Would you really rush out?
Would you really rush out? (For me now)
Would you really rush out?
Would you really rush out? (For me now)
Would you really rush out? (For me now)
Would you really rush out? (For me now)
Would you really rush out? (For me now)
Ooh, ooh (For me now)
Ooh, ooh (For me now)”

                                                                                                             – Bon Iver (Blindsided)

Schreiben

 Mit dem Schreiben hatte ich während der Schulzeit angefangen. Ich schrieb in der Regel abends, wenn alle schliefen und ich schrieb mit der Hand. In meinen Texten ging es um den Tag oder Fragen und Zweifel, die ich hatte. 

Niemand las, was ich schrieb und niemand wusste, dass ich schrieb.

Später in der Universität lag es mir, Essays und Hausarbeiten zu schreiben. Den Professoren gefiel meine Arbeit. Zu Beginn reichte mir das. Wissenschaftliches Schreiben hat eine klare Form. Sie gibt den Weg vor. Man muss ihr nur folgen und erreicht sein Ziel. Aber welches Ziel war das?

Allein in der Wildnis

 Am Morgen nach dem Sturm war die Luft klar. Es war September in Südschweden und der Himmel war blau und offen.

Ich schüttelte die Tropfen von der Zeltplane und es ging weiter. Kalter Reis vom Vortag und weiter. Aber wohin weiter?

Ich war im Nichts. Hohe Kiefern standen in breitem Abstand auf nassem Boden. Braune Blätter bildeten eine Decke. Ich war allein in der Wildnis. Ich ging los. 

Mein Platz

Ich ging nicht zurück zum Weg, sondern weiter zwischen den Bäumen entlang. So fand ich meinen Platz.

Mein Platz lag auf der Spitze eines Hügels. Der Hügel öffnete sich auf eine Lichtung. Er lag mit dem Rücken zum Wald. Nach vorne ging es steil an gerodeten Baumstümpfen vorbei. Auf der Spitze des Hügels lag ein großer, grauer Stein. Um den Stein war der Boden eben. Kurzes, grünes Gras wuchs.

Dort blieb ich zwei Tage. Zuerst kochte ich nur meinen Reis. Dann setzte ich mich auf den Stein und las. Später schrieb ich den ganzen Tag und den Morgen des Nächsten. 

Das Weitermachen, um weiterzumachen - Weiter wohin?

 Nach zwei Tagen zog ich weiter. Mir gefiel der Platz auf dem Hügel und der Stein. Ich hatte mich an sie gewöhnt. Die verschiedenen Tageszeiten veränderten auch den Ort. Das Licht stand immer anders, aber sonst blieb alles gleich. Mir gefiel der Platz, aber ich musste weiter.

Weiter wohin? Ich ging den Hügel hinab und durch den Wald. Ich traf auf einen Forstweg und verließ ihn wieder. Am frühen Nachmittag sah ich Kühe. Sie grasten auf einer Wiese. Es gab dort viele Mücken und ich blieb nicht lang. 

Weiter wohin?

Allein Reisen in Schweden - Fazit

Zurück in Hamburg ging es mir einige Zeit sehr gut. Ich versuchte Literatur zu schreiben und studierte Philosophie. Ich lernte neue Leute kennen. 

10 Tage hatte ich allein auf dem Skåneleden in Schweden verbracht. Am Anfang war ich nervös, dann hilflos und schließlich mutig. Die Luft, das Essen, der Sport und die Einsamkeit hatten mich klar sehen lassen. Ich konnte zurück nach Hause.

In Hamburg war ich in den ersten Wochen voll Energie. Das allein Reisen in Schweden hatte mich wieder willensstark gemacht. Alles änderte sich. Ich hatte den Studiengang gewechselt, dass ich schrieb, war kein Geheimnis mehr und ich fand neue Freunde. 

Ich dachte, jetzt hätte ich es gefunden. Weiter wohin? Na, hier hin! 

Bon Iver

Ich hatte Bon Ivers Album “For Emma for ever ago” die ganze Zeit beim allein Reisen in Schweden gehört. Jedes einzelne Lied ist für mich ein Kapitel und Teil einer ganzen Geschichte. Ich habe im Internet recherchiert, was Bon Ivers eigene Gedanken zu seinem Werk ist. Vor allem wollte ich wissen, wer Emma ist.

Emma

 “Emma isn’t a person. Emma is a place that you get stuck in. Emma’s a pain that you can’t erase.”

“Emma” ist also nicht unbedingt ein Mädchen, sondern ein Ort. Emma ist ein Zustand, in dem man sich verliert und ein Schmerz, den man nicht loswerden kann. Justin Vernon ging in den Wald, um sich Emma zu stellen und gleichzeitig frei von ihr zu sein. Nach vielen einsamen Stunden und 9 neuen Songs hatte er es geschafft. For Emma for ever ago.

Allein Reisen in Schweden - Fazit

 “This is not the sound of a new man
 Or a crispy realization
 It’s the sound of me unlocking and you lift away
 Your love will be
 Safe with me”

                                                                      – Bon Iver (re:stacks) / Letzte Strophe des Albums

 Am Ende war ich kein perfekter Mensch, geheilt von allem. 

Aber ich hatte mal wieder eine Wende eingeschlagen. Es konnte wieder neu losgehen. Das tat es auch. Und wie.

Bis es nicht mehr losging, sondern angefangen hatte. Dann war es auch schon vorbei und nichts ging mehr los. Alles hörte wieder auf. 

Aber das ist eine andere Geschichte.